Theaterstück
Darstellendes Spiel: Vorurteile (2. Teil)
Wie bereits im ersten Teil haben wir eine kleine Szenenfolge erarbeitet und inszeniert. Ausgangspunkt waren Zettel mit deutschen und polnischen Vorurteilen. Jeder Spieler schrieb ein Vorurteil auf und dazu auf einen zweiten Zettel eine positive Aussage über Polen oder Deutsche. Dann wurden Paare gebildet. Die Paare gingen zu den Zetteln, die jeweils am anderen Ende des Raumes in einer Reihe auf dem Boden lagen, und suchten sich auf jeder Seite einen Zettel aus. Mit den beiden gegensätzlichen Sätzen auf den Zetteln inszenierten die Paare eine kleine Szene, die sie nacheinander präsentierten.
Die Szenen waren von unterschiedlicher Qualität. Eine Szene jedoch wirkte besonders komisch. Die Spieler hatten die Sätze "Polen stehlen!" und dazu "Polnisch ist eine interessante Sprache!" ausgewählt. Die Szene zeigte einen Deutschen, der breit grinsend auftrat und sagte: "Die Polen sind aber freundlich!", dann trifft er eine Polin, die ihn herzlich umarmt. Er merkt dabei nicht, wie er seinen Geldbeutel gestohlen bekommt.
Bei aller Problematik, dass sich hier wohl ein Vorurteil "erfüllt", war die Szene doch komisch und wirksam, da jemand, der dazu als ziemlich naiv dargestellt wurde, von jemand anderem hereingelegt wird und es (im Gegensatz zum Zuschauer) nicht merkt. Die Komik basiert auf Schadenfreude und auf einem Überlegenheitsgefühl, was die Zuschauer gegenüber dem Naiven, dem Narren, bekommen. Bei aller Problematik eine klassisch-komische Szene, die gut funktionierte.
Auch andere Szenen wiesen dramaturgisch und inhaltlich interessante Elemente auf, die weiter ausgebaut werden konnten. Wir entwickelten so eine Szenenfolge, die sich aber nicht in ihrer Komik steigert, sondern in ihrer Gewalttätigkeit. Am Ende sind beide Situationen gleich gewalttätig und zeigen, wo Vorurteile hinführen.
Die Auflösung am Schluss löst den Illusionismus der gespielten Szenen auf. Die Gruppe baut sich zu den Zuschauern hin zu einem Gruppenbild auf und spricht einen Kommentar, der im Gegensatz zu den individuellen und dadurch gebrochenen Aussagen am Anfang jetzt eine gemeinsame deutliche Beurteilung abgibt. Angesichts des z.T. zwiespältigen Gehalts der Szenen, den wir nicht ganz eindeutig klären konnten, ist der Schlusskommentar ein wichtiges Statement der Gruppe um Missverständnisse auszuschließen.
Exposition:
Musik beginnt, wird langsam lauter. Die Spieler stehen in kleinen Gruppen auf der Bühne und unterhalten sich. Ein Spieler dreht sich zur Rückwand. Alle Spieler drehen sich nacheinander zur Rückwand. Die Musik wird langsam leiser.
Die Spieler drehen sich nacheinander langsam um und sagen: Ich bin xy, ich finde Vorurteile gut/schlecht, weil . . .(individuelle Begründung)"
Nach dem letzten Spieler setzt die Musik wieder ein.
Konfrontation:
1. Szene
Musik. Alle Darsteller laufen durcheinander. Musik wird leiser, alle deutschen Spieler gehen an die Seiten, nur drei polnische Schüler bleiben in der Mitte.
Die drei Polnisch-Sprecher unterhalten sich. Zentraler, immer wiederholter Satz: "Die Deutschen kaufen in Polen alles auf!"
Ein deutscher Spieler setzt sich, während die vier noch sprechen, in Bewegung und geht horchend zwischen ihnen umher. Er ist sichtlich angetan von dem, was er hört.
Niklas: "Polnisch ist wirklich eine interessante Sprache." Pause
Er begegnet Marta, eine polnische Spielerin, sie umarmen sich. Marta klaut ihm dabei die Geldbörse.
Marta schüttelt ihm groß die Hand: "Dziekuje"
Pause
Die Musik wird wieder lauter, die Spieler setzen sich wieder in Bewegung.
2. Szene
Die Musik wird wieder leiser.
Milena, eine polnische Spielerin, mit Niklas' Geldbörse geht auf Josie, eine deutsche Spielerin, zu.
Milena will einen Fotoapparat kaufen. Sie spricht aber nur polnisch, verständigt sich hauptsächlich durch Gesten. Josie versteht zuerst nicht, dann aber versteht sie sehr gut. Sie gibt ihr einen Fotoapparat und nennt den Preis von 400 Euro. Milena hat aber nur einen großen 500-Euro-Schein. Josie nimmt das Geld und gibt ihr nur ein kleines Geldstück zurück. Milena bedankt sich arglos und sehr freundlich. Die Musik wird wieder lauter.
3. Szene
Die Musik bricht abrupt ab. Alle erstarren gleichzeitig zu skurrilen Figuren.
Ilona. Eine polnische Spielerin, löst sich aus der Gruppe. Sie befindet sich in einer Figurenausstellung und fotografiert.
Sie begegnet Laura, eine Deutsche, und bittet Laura sie zu fotografieren. Laura lässt sie etwas zurücktreten und weist sie aufwändig ein. Sie geht zu ihr um ihren Kopf so zu drehen, dass Ilona in den Himmel schaut. Dann geht sie nach hinten, tut so, als ob sie fotografieren will, und läuft dann mit dem Fotoapparat weg. Im Lauf friert sie ein. Die Musik setzt wieder ein.
4. Szene
Alle gehen wieder durcheinander und frieren dann ein. Die Musik wird dabei leise, dann Musik aus.
Niklas beginnt (zu einem deutschen Mitspieler): "Die Polen sind aber freundlich!"
Die deutsche Mitspielerin zu einer anderen deutschen Mitspielerin: "Die Polen sind aber freundlich!" Die Reihe wird so fortgesetzt, bis der Satz wieder bei Niklas ankommt. Niklas sagt den Satz dann noch einmal. Alle frieren ein.
Laura geht durch die Darsteller hindurch. Sie schaut sich um. Man merkt, dass sie sich auf unbekanntem Terrain bewegt.
Sie befindet sich auf der Höhe von Marta und dreht ihr den Rücken zu.
Plötzlich Milena von hinten auf Polnisch: "He, du!"
Marta stößt Laura von hinten an und sagt auf Polnisch: "Was willst du hier?"
Ilona von der Seite: "Was guckst du so blöd!"
Marion von der Seite auf Polnisch: "Verpiss dich!"
Milena von hinten: "Alle drauf!"
Alle Darsteller machen gemeinsam mit einer Schlag-Tritt-Geste eine Bewegung auf Laura zu und frieren ein. Diese geht gleichzeitig in die Hocke und hebt schützend die Hände über den Kopf.
Es entsteht ein Standbild mit einer Gruppe von Leuten, die auf Laura einzuschlagen scheinen.
5. Szene
Der gleiche Szenenablauf, nur dass jetzt die polnischen Spieler sagen, dass die Deutschen freundlich sind und dass eine polnische Spielerin von den deutschen angegriffen wird.
Auflösung:
Die Musik setzt wieder ein, aber leise. Die Schüler gehen langsam hoch und geben Ilona frei. Ilona steht auf und geht nach vorne. Sie sagt auf Polnisch: "Vorurteile"
Die Spieler treten nacheinander hinzu und bilden ein Gruppenbild wie zu einem Gruppenfoto. Jeder neu hinzukommende Schüler sagt deutsch oder polnisch "Vorurteile".
Die letzte Spielerin ist Marta, eine Polin. Sie sagt auch auf Polnisch "Vorurteile", dann alle polnisch "Vorurteile sind blöde!"
ENDE